Ein unvollständiger Neuanfang (Übersicht)
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches standen die Siegermächte vor einer beispiellosen Herausforderung: Wie soll mit einer Gesellschaft umgegangen werden, in der rund 8,5 Millionen Menschen der NSDAP angehörten?
Bereits im Sommer 1945 legten die Alliierten in Potsdam die Grundsätze fest: Demilitarisierung, Denazifizierung, Demokratisierung, Dezentralisierung (Verhinderung einer erneuten Machtkonzentration) und Demontage (wirtschaftlicher Aspekt der Wiedergutmachung und Kontrolle). Während die juristische Aufarbeitung der Führungsebene in den Nürnberger Prozessen stattfand, sollte die Gesellschaft durch den Alliierten Kontrollrat (insbesondere durch den Befehl Nr. 24 vom Jänner 1946) systematisch überprüft werden. Ein wichtiges Motiv war die Prävention von Untergrundbewegungen wie den SS-Werwolf-Kommandos, die einen Guerillakrieg gegen die Besatzer führen sollten.
In der US-Besatzungszone wurde das Verfahren am bürokratischsten betrieben. Kernstück war ein Fragebogen mit 131 Fragen, der die politische Biografie erfassen sollte. Auf Basis dieser Angaben erfolgte die Einstufung in eine von fünf Kategorien:
- Hauptschuldige
- Belastete
- Minderbelastete
- Mitläufer
- Entlastete
Ein unschätzbarer Vorteil für die amerikanischen Besatzer war dabei die Entdeckung der NSDAP-Zentralkartei durch US-Truppen in einer Münchener Papierfabrik, die Millionen von Mitgliedschaften zweifelsfrei belegte.
In der Praxis stieß das Verfahren aber bald an seine Grenzen. Während die Alliierten zunächst „von oben“ säuberten, wurde die Durchführung ab 1946 zunehmend in deutsche Hände (Spruchkammern) gelegt. Dies führte zu einer massiven Entlastungswelle. Gegenseitige eidesstattliche Erklärungen – später spöttisch als Persilscheine bezeichnet – wurden zum Massenphänomen, um die Einstufung als Mitläufer oder Entlasteter zu erreichen.
Trotz des immensen Aufwands blieb das Ergebnis ambivalent. Mit Beginn des Kalten Krieges verschoben sich die Prioritäten der Westalliierten von der Bestrafung hin zur Integration Westdeutschlands in das antikommunistische Bündnis. Dies ermöglichte vielen belasteten Funktionären die Rückkehr in den Staatsdienst der jungen Bundesrepublik.
Quellen:
Vollnhals, Clemens (Hg.). Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945–1949, dtv, 1991.
Niethammer, Lutz (1982). Die Mitläuferfabrik. Die Entnazifizierung am Beispiel Bayerns, Dietz, 1982.