Alexander Neunherz // Der Entnazifizierungsprozess am Beispiel der Gemeinde Saalfelden

Nach der Niederringung des nationalsozialistischen Terrorregimes war für die alliierten Siegermächte ebenso wie für Österreich die Entnazifizierung – also die Säuberung von NationalsozialistInnen – eine der wesentlichsten Hauptaufgaben. In Saalfelden wurden insgesamt 627 Personen (466 Männer und 161 Frauen) als ehemalige NationalsozialistInnen registriert. Der prozentuelle Anteil der NationalsozialistInnen an der Saalfeldener Gesamtbevölkerung lässt sich jedoch nicht mehr vollständig nachvollziehen: Für das Jahr 1945 liegen keine exakten EinwohnerInnenzahlen für Saalfelden vor. Volkszählungen wurden lediglich in den Jahren 1939 (7.018 EinwohnerInnen) und 1951 (8.315 EinwohnerInnen) durchgeführt. Je nachdem, auf welche EinwohnerInnenzahl man sich hier beziehen möchte, waren zwischen 7,5 und 8,9 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung eingetragene NationalsozialistInnen.

Im Jahr 1945 unterlag der Entnazifizierungsprozess den Alliierten. Unmittelbare Ansprechpartner vor Ort waren in der Gemeinde Saalfelden die Mitglieder des sogenannten “Politischen Sechserausschusses” (1), der sich aus jeweils zwei Vertretern der Volkspartei (ÖVP), der Sozialistischen Partei (SPÖ) sowie der Kommunistischen Partei (KPÖ) zusammensetzte. Die Alliierten übertrugen zu Beginn des Jahres 1946 die Durchführung der Entnazifizierung auf die österreichische Bundesregierung – als Grundlage dafür diente das Verbotsgesetz. Nun waren ehemalige NationalsozialistInnen verpflichtet, sich selbstverantwortlich zu registrieren. Auf Basis dieser Maßnahme legten die Gemeinden Listen an, die in den Kommunen selbst sowie in Bezirksbehörden, im Innenministerium und bei Arbeitgebern und Gewerkschaften auflagen. In Saalfelden wurde eine solche Meldestelle für ehemalige NationalsozialistInnen im Frühsommer 1946 eingerichtet.

Die Entnazifizierung wurde mit der Einführung der Meldestelle nach bürokratischen, formalen Kriterien durchgeführt. Dies erwies sich jedoch insofern als problematisch, da aufgrund der bürokratischen Ausrichtung der Verfahren oft die notwendigen Individualbehandlungen zu kurz kamen (2). Dadurch konnte es einerseits nicht zu jener politischen, kulturellen und ideologischen Umerziehung der Gesellschaft gelangen, die notwendig gewesen wäre. Andererseits befanden sich dadurch Saalfeldens Kommunalpolitiker in einem “moralischen Dilemma”: Vor allem Bürgermeister Rohrmoser  musste in seiner Funktion als “erste Anlaufstelle” Probleme, Beschwerden und Interventionen der registrierten GemeindebürgerInnen behandeln.

Eine strenge Durchführung der Entnazifizierung stand somit in einem ständigen Widerstreit mit persönlichen Interessen, die man durch Interventionen beim Bürgermeister oder beim “Sechserausschuss” durchzusetzen erhoffte. Zudem vertrat die Bevölkerung die Meinung, dass alle Kraft in den Wiederaufbau und die Versorgung der Allgemeinheit gesteckt werden sollte, und die Entnazifizierung als zweitrangiges Problem zu behandeln sei. Dieser ständige Widerstreit macht sichtbar, warum die Entnazifizierung nicht konsequent durchgeführt werden konnte und letztendlich scheiterte.

Eine ausführliche Darstellung der Entnazifizierung in Saalfelden kann hier nachgelesen werden.

Quellen

(1) Der Politische Sechserausschuss: Die Mitglieder hatten unter den strengen Augen der Alliierten die Aufgaben, mit den Besatzern Verhandlungen zu führen, um die politischen Verhältnisse wiederum zu konsolidieren, Ämter neu zu besetzen und die verschiedenen Parteiorganisationen neu aufzubauen. Der Ausschuss erstellte jedoch auch für die Saalfeldener Bevölkerung politische Gutachten. Auf Grundlage der resultierenden politischen Einschätzungen lieferte der “Sechserausschuss” damit grundsätzliche Informationen zur Beurteilung von Nationalsozialisten. Diese Beurteilungen wurden beispielsweise bei den ersten freien Gemeinderatswahlen im Jahr 1945 als Grundlage für die Wahlberechtigung herangezogen. Dabei entschied der “Sechserausschuss” in strittigen Fällen, welche Personen in Saalfelden an den Wahlen teilnehmen durften und welche davon aufgrund ehemaliger NS-Betätigung ausgeschlossen waren. Quellen: Archiv des Heimatmuseums Schloss Ritzen und Hölzl, Ferdinand (1983). Pinzgauer Parteienchronik. Band 1: Die Sozialdemokraten und Gewerkschaften, Zell am See, S. 315f.

(2) Vgl. www.ooegeschichte.at/Entnazifizierung.227.0.html.